Des heiligen Vaters Theodoros von Edessa: Eine kontemplative Abhandlung
Was für ein großer Kampf ist es, diese festen Fesseln zu zerreißen, sich vom Dienst an den irdischen Dingen zu befreien und eine gute Gewohnheit zu erwerben! Selbst eine tapfere Seele muss sich von allem Irdischen zurückziehen. Was sie sucht, ist nicht allein die Reinigung von den Leidenschaften; diese ist für sich genommen noch keine Tugend, sondern erst die Vorbereitung auf die Tugend. Man muss sich von schlechten Gewohnheiten reinigen und Tugenden erwerben. Die Läuterung der Seele besteht darin, dass die vernünftige Kraft von irdischen Vorstellungen, von trügerischen Bildern, von den Sorgen und Mühen des Lebens – wie der Theologe sagt – und von bösen Neigungen gereinigt wird, das heißt, dass sie ihre verkehrten Regungen ändert und ganz ablegt; dass die begehrende Kraft nach nichts Irdischem verlangt, nicht auf das Sinnliche schaut und dem Verstand gehorcht; und dass die zornmütige Kraft durch nichts beunruhigt wird. Nach der Reinigung und Abtötung alles Unreinen bedarf es, damit das Gute geordnet werde, des Aufstiegs und der Vergöttlichung: Wer das Böse meidet, soll das Gute tun. Vor allem aber muss man sich selbst verleugnen, sein Kreuz auf sich nehmen und dem Gebieter bis zur höchsten Vergöttlichung nachfolgen. Was sind dieser Aufstieg und diese Vergöttlichung? Für den Geist sind sie die vollkommenste Schau – soweit die menschliche Natur sie zu erfassen vermag – der ganzen Schöpfung und des Seienden, das über der Schöpfung steht. Für die begehrende Kraft sind sie ein gänzliches und unaufhörliches Entflammtsein und eine Bewegung hin zur ursprünglichen Schönheit. Für die zornmütige Kraft sind sie die wirksamste Bewegung auf das Erwünschte hin: unablässig, ungeschwächt, durch kein eintretendes Leid unterbrochen, mutig und ohne Umkehr voranschreitend. Die Bewegung der Seele zum Guten muss so viel stärker sein als ihre Bewegung zum Bösen, wie die geistige Schönheit die sinnliche übertrifft. Die Seele soll für den Leib nur so weit sorgen, wie es zu seinem Erhalt nötig ist, damit er nicht zugrunde geht. Dies lässt sich leicht bestimmen, aber viel schwerer verwirklichen. Die Gewohnheiten der Seele lassen sich nicht ohne Mühe entwurzeln; sie sind nicht leicht auszureißen, und auch die Erkenntnis wird nicht ohne Kampf erworben. Wahrlich, die eifrige Schau und das Streben nach dem seligen Sein [Gott] werden durch viele Mühen und in langer Zeit erlangt, bis unsere Wünsche sich an dieses Streben gewöhnt haben und erkennen, was es ihnen schenkt. Oft muss der Geist den Sinnen widerstehen, die ihn zu den niederen Dingen hinabziehen. Das ist der Krieg und Kampf mit dem Leib, der bis zum Tod währt, auch wenn er, so scheint es, nachlässt, sobald Zorn und Begierde zur Ruhe kommen und die Sinne dem durch Erkenntnis bereicherten Geist gehorchen. Doch muss man wissen: Eine noch nicht erleuchtete Seele, die Gottes Hilfe nicht empfängt, kann sich nicht wahrhaft reinigen und auch nicht zum göttlichen Licht aufsteigen. Was wir gesagt haben, gilt für die Gläubigen. Um es deutlicher zu machen, müssen wir kurz die Arten der Erkenntnis unterscheiden. Es gibt eine Erkenntnis gemäß der Natur und eine Erkenntnis über die Natur hinaus. Was die zweite ist, wird aus der ersten ersichtlich. Natürliche Erkenntnis ist das Wissen, das die Seele auf natürliche Weise durch Untersuchung und Erforschung der Schöpfung und der Ursache alles Geschaffenen erlangt, soweit dies einer mit dem Leib verbundenen Seele möglich ist. Über die Sinne, die Vorstellung und den Geist heißt es, dass die Tätigkeit des Geistes durch die Verbindung und Vermischung mit dem Leib abgestumpft wird. Daher kann er die geistigen Dinge nicht unmittelbar berühren, sondern sich ihrer nur durch Vorstellungen bemächtigen; die Vorstellung aber bringt ihm Bilder, die von der Wirklichkeit verschieden sind. Solange der Geist an den Leib gebunden ist, braucht er also solche Bilder, die er aufzunehmen vermag. Der Geist empfängt auf natürliche Weise die Erkenntnis, die wir deshalb natürliche Erkenntnis nennen. Übernatürliche Erkenntnis ist jene, die auf eine dem Geist nicht bekannte Weise in ihn eintritt oder deren Gegenstand das Maß des mit dem Leib verbundenen Geistes übersteigt und eher dem unkörperlichen Geist entspricht. Eine solche Erkenntnis kommt allein von dem einen Gott, wenn Er den Geist überaus gereinigt von jeder Leidenschaft für die weltlichen Dinge und von göttlicher Liebe entflammt sieht. Nicht nur die Erkenntnis, auch die Tugenden werden so unterschieden. Es gibt eine Tugend, die die Natur nicht übersteigt und mit Recht natürlich genannt wird; eine andere aber wird von der Urquelle des Guten gewirkt, übersteigt unsere natürlichen Kräfte und unseren Zustand und heißt deshalb mit Recht übernatürlich. So sind sie unterschieden: natürliche Erkenntnis und natürliche Tugend kann auch der noch nicht Erleuchtete besitzen, die übernatürliche jedoch nicht. Wie sollte ein noch nicht Erleuchteter sie besitzen, ohne Anteil an der Gottheit zu haben, die die übernatürliche Tugend hervorbringt? Der Erleuchtete kann beide haben; doch erlangt er die übernatürliche Tugend nicht, bevor er die natürliche erworben hat. Nichts hindert ihn jedoch daran, übernatürliche Erkenntnis zu empfangen, ohne natürliche Erkenntnis zu besitzen. Man muss ferner wissen: Sinne und Vorstellungskraft, oder Einbildung, haben Tiere wie Menschen, doch sind diese Kräfte im Menschen weit besser und höher. Ebenso verhält es sich mit den natürlichen Tugenden und Erkenntnissen: Auch der Erleuchtete wie der noch nicht Erleuchtete kann sie besitzen, beim Erleuchteten aber sind sie höher und besser. Die natürliche Erkenntnis, das heißt die Erkenntnis der Tugenden und ihrer Gegensätze, ist zweifach. Die eine ist einfach: Der Forschende hat die Tugenden nicht durch Übung erfahren und zweifelt daher bisweilen. Die andere ist praktisch und gleichsam eingeatmet: Die Erkenntnis wird durch die Erfahrung der Tugenden bestätigt, sodass kein Zweifel und kein Schwanken mehr bleibt. Wenn wir dies erkannt haben, wollen wir auch wissen, dass es vier Widerstände gibt, die den Geist am Erwerb der Tugenden hindern. Der erste ist die Neigung zu entgegengesetzten Gewohnheiten: Durch langes Beharren zieht sie den Menschen zum Irdischen hin. Der zweite ist die Tätigkeit der Sinne, die zur sinnlichen Schönheit streben und den Geist mit sich ziehen. Der dritte ist die Trägheit des Geistes, weil er an den Leib gebunden ist. Denn zwischen dem Sehen und dem Gesehenen, überhaupt zwischen einem Sinn und dem, was er wahrnimmt, besteht nicht dieselbe Verbindung wie zwischen Geist und Erkenntnis. Ich spreche vom Geist der Seele, solange sie im Leib ist. Die vom Leib befreiten Geister erfassen die geistigen Dinge besser, als die Augen die sichtbaren Dinge sehen. Wie aber ein getrübtes Auge die sichtbaren Dinge undeutlich und verschwommen sieht, so erfasst auch unser Geist die geistigen Dinge. Er vermag die geistige Schönheit nicht klar zu schauen und kann daher auch nichts von ihr begehren. Denn dem Maß der Erkenntnis entspricht das Maß des Verlangens. So wendet sich der Geist sogleich der sinnlichen Schönheit zu, die er deutlicher sieht, und muss sich mit dem erfüllen, was er für gut hält, ob es wahrhaft gut ist oder nicht. Neben diesen drei Widerständen gibt es einen vierten: die Angriffe der unreinen und menschenfeindlichen Geister. Es ist unmöglich zu beschreiben, wie viele und welche Nachstellungen sie der Seele auf verschiedene Weise bereiten – durch die Sinne, das Wort, den Geist und alles, was es sonst geben mag. Hätte nicht jener, der das verirrte Schaf auf seine Schultern nahm, jene, die auf Ihn schauen, durch unaussprechliche Vorsehung über alle diese Mächte erhoben, so entkäme keine Seele ihren Netzen. Um ihnen allen zu entgehen, brauchen wir drei Dinge. Das erste und wichtigste ist, auf Gott zu schauen und Ihn zu bitten, allen zu Hilfe zu kommen, die ihre Hoffnung auf Ihn setzen und fest glauben, dass wir unausweichlich in die von den bösen Geistern ausgespannten Netze geraten, wenn Er nicht eilends zu Hilfe kommt. Das zweite – und meiner Meinung nach ist es auch die Ursache des ersten – besteht darin, den Geist unablässig mit Betrachtung zu nähren: mit der Schau aller seienden Dinge, der sinnlichen wie der geistigen, wie sie in sich selbst sind, wie sie mit der Erstursache verbunden sind, wie sie aus ihr hervorgehen und zu ihr zurückkehren; und mit der Schau der Ursache alles Seienden, soweit uns dies möglich ist. Das Verständnis der Natur der Dinge reinigt den Geist von leidenschaftlichem Verlangen nach ihnen, befreit ihn von ihrer Täuschung und führt ihn zu ihrem Ursprung: vom Guten, Schönen und Großen zu dem Besseren, Schöneren und Größeren, ja zu dem, was jede Schönheit, jedes Wunder und jede Größe übersteigt, und lässt es ihn wie in einem Spiegel schauen. Braucht der Geist noch ein anderes Gut, wenn er sich beständig damit beschäftigt? Wenn er sich bisweilen nach etwas Fremdem ausstreckt, sollte er sich dann nicht umso mehr nach dem ihm Eigenen sehnen? Und wird die Seele, wenn sie von der Liebe zu diesen Dingen gefangen ist, noch etwas Niedriges begehren, da das Niedrige sie von dem wegzieht, der sie liebt? Selbst das Leben im Leib wird ihr dann zur Last, weil es ihr im Guten hinderlich ist. Zwar sieht der Geist, wie wir gesagt haben, die geistige Schönheit undeutlich; doch die geistigen Güter sind so groß und so zahlreich, dass schon ein kleiner Strahl und die feinste Erscheinung jener erhabenen Schönheit den Geist antreibt, alles Irdische zu verlassen und allein dem Geistigen nachzustreben, ohne von jener Süßigkeit abzulassen, selbst wenn er in Bitterkeit fällt. Das dritte ist die Abtötung unseres Leibes, der mit dem Geist verbunden ist; ohne Abtötung ist es unmöglich, die Schau klar und deutlich zu empfangen. Das Fleisch wird durch Fasten, Nachtwachen, Liegen auf der Erde, rauhe Kleidung, Mühen und das Ertragen des Übels abgetötet. So wird der Leib abgetötet und, mehr noch, mit Christus gekreuzigt; er wird verfeinert und gereinigt, leicht und wohlgeordnet, folgt widerspruchslos den Regungen des Geistes und lässt sich leicht zum Höheren erheben. Ohne dies bleibt all unser Bemühen vergeblich. Wenn diese ehrwürdige Dreiheit in sich übereinstimmt, bringt sie in der Seele eine Schar seliger Tugenden hervor. Bei denen, die mit dieser Dreiheit geschmückt sind, findet sich keine Spur von Bosheit; keine Tugend fehlt ihnen. Weder die Abkehr vom Erwerb von Besitz noch die Verachtung des Ruhmes beunruhigen den Geist, denn solange die Seele an ihnen festhält, wird sie von vielen Leidenschaften verwundet. Ich sage mit Gewissheit: Eine Seele, die an Reichtum und Ruhm gebunden ist, kann nicht aufsteigen. Ich behaupte auch nicht, dass eine Seele, die sich lange im Kampf der drei genannten Dinge geübt und daran gewöhnt hat, sich noch um Reichtum und Ruhm kümmern werde. Wenn sie kein anderes wahres Gut kennt als das, was über jedes Gut erhaben ist, und von allen übrigen Gütern dasjenige vorzieht, das sich dem ersten annähert, wie sollte sie Gold oder Silber oder irgendetwas anderes auf Erden lieben und preisen? Dasselbe gilt für den Ruhm. Selbst die mächtigste Sorge wird den Geist dann nicht mehr so bedrängen. Worum sollte sich eine Seele sorgen, die nichts Irdisches interessiert oder anzieht? Die Wolke der Sorgen steigt gleichsam aus dem Rauch der Hauptleidenschaften auf: Genussucht, Geldliebe und Ruhmsucht. Wer von ihnen frei ist, ist auch von der Sorge frei. Wer das zuvor Genannte erworben hat, dem fehlt auch nicht die Besonnenheit, die sich von der Weisheit unterscheidet und die erste der Weisen ist, die nach oben führen. Wer die Tugenden erlernt, lernt zu unterscheiden, was gut ist und was dem Guten entgegensteht; dazu bedarf es der Besonnenheit. Durch Erfahrung und den Kampf mit dem Leib lehrt sie, wie man auf Gott zugeht. In solchen Menschen wohnt auch Furcht. In dem Maß, in dem die Liebe wächst, wächst auch die Furcht; je größer die Hoffnung ist, das Gut zu empfangen, desto größer ist die Furcht, es nicht zu erlangen. Diese Furcht nagt an den von Liebe Verwundeten stärker als die Drohung zahlloser Qualen. Das seligste Los ist, das Gut zu empfangen; es nicht zu empfangen ist das erbärmlichste. Damit unser Wort nun seinen rechten Weg nehme, müssen wir am Ende beginnen. Denn alles, was besteht, empfängt von seinem Ende die Ordnung und Gliederung seiner Teile. Das Ende unseres Lebens ist die Seligkeit, anders gesagt: das Himmelreich oder das Reich Gottes. Es besteht nicht allein darin, die gebietende Dreifaltigkeit zu schauen, sondern auch darin, die göttliche Wirksamkeit, die Vergöttlichung, zu empfangen. Sie ergänzt, was uns fehlt, und vollendet das Unvollkommene. Für die geistigen Wesen ist dies Nahrung: Durch göttliche Wirksamkeit wird ergänzt, was fehlt. Diese Wirksamkeit ist unaufhörlich und kreisförmig; sie beginnt bei demselben und endet in demselben. Je mehr einer erkennt, desto mehr begehrt er; je mehr er begehrt, desto mehr genießt er; je mehr er genießt, desto mehr wird er in der Erkenntnis gefestigt und beginnt aufs Neue die unbewegliche Bewegung und die unbewegliche Ruhe. Dies ist, soweit wir es erfassen können, das Ende unseres Lebens. Wir müssen betrachten, wie wir zu diesem Ende gelangen. Den vernünftigen Seelen, geistigen Wesen, die sich nur wenig von den Engelsgeistern unterscheiden, ist das Leben im Leib als Mühe und Kampf gegeben. Der Lohn des Kampfes ist jener bereits erwähnte Zustand, eine Gabe, die sowohl Gottes Güte als auch seiner Gerechtigkeit entspricht: der Gerechtigkeit, weil die Güter für persönliche Mühen verliehen werden, der Güte, weil die Gabe jede Mühe übersteigt. Auch die Fähigkeit, Gutes zu tun, ist selbst ein Geschenk Gottes. Worin besteht dann unser Kampf? Die vernünftige Seele ist mit einem tierischen Leib verbunden, der aus der Erde sein Dasein hat und zum Niederen hinabgeneigt ist. Die Seele ist so mit dem Leib geeint, dass aus den beiden, die einander völlig entgegengesetzt sind, ein einziges Wesen entsteht, ohne Verwandlung oder Vermischung der beiden Teile. Aus diesen beiden, ihrer Natur nach verschiedenen, entsteht eine Person in zwei unveränderten Naturen. So wirkt dieses Wesen – der Mensch, aus zwei Naturen zusammengesetzt – jeweils das, was der einzelnen Natur eigen ist. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Leib seinesgleichen begehrt, nämlich leibliche Dinge. Das Verlangen nach dem Ähnlichen ist allen Wesen eigen, denn ihr Bestehen beruht auf der Verbindung mit dem, was ihrem Wesen ähnlich ist. Deshalb ist es für den Leib natürlich, durch die Sinne Genuss zu empfinden; auch ist Ruhe für ihn nützlich, wenn er ermüdet ist. Das entspricht der Natur unseres Leibes und ist für sie begehrenswert. Für die vernünftige Seele dagegen, ein geistiges Wesen, ist alles Geistige natürlich und begehrenswert, und es ist ihrer Natur gemäß, auf geistige Weise an ihm Freude zu haben. Vor allem aber ist die Liebe zu Gott in ihr verwurzelt. Die Seele will an Ihm und an den anderen geistigen Wesen Freude haben, vermag dies jedoch nicht ungehindert zu tun. Der erste Mensch konnte das Sinnliche ungehindert mit den Sinnen wahrnehmen und sich mit dem Geist an den geistigen Dingen erfreuen. Er sollte sich jedoch im Besseren und nicht im Schlechteren üben. Damals konnte er beides: mit dem Geist bei den geistigen Dingen und mit den Sinnen bei den sinnlichen sein. Ich sage nicht, Adam hätte nichts durch die Sinne wahrnehmen sollen – umsonst hätte er keinen Leib gehabt; doch sollte er an den sinnlichen Dingen keinen Genuss finden. Indem er die Schönheit der Geschöpfe sah, hätte er zu ihrem Schöpfer aufsteigen und in staunender Bewunderung an Ihm Freude haben sollen. Er hatte doppelten Anlass, den Schöpfer zu bewundern, nicht aber, sich an die sinnlichen Dinge zu binden und sich an ihnen zu erfreuen, während er die geistige Schönheit verließ. So hätte Adam handeln sollen. Doch gebrauchte er seine Sinne nicht zum Guten: Er staunte über die sinnliche Schönheit und aß, als er eine Frucht sah, die schön anzusehen und köstlich im Geschmack war; so ließ er davon ab, an den geistigen Dingen Freude zu haben. Darum verurteilte ihn der gerechte Richter, als sei er dessen unwürdig, was er verachtet hatte – die Schau Gottes und der ganzen Schöpfung –, und vertrieb ihn; zwischen ihm und den körperlosen Wesen stellte Er die äußerste Finsternis. Es war nicht angemessen, das Heilige dem Unreinen zu überlassen. Er sollte an dem Freude haben, was er geliebt hatte; darum ließ Gott ihn durch die Sinne leben und nur geringe Spuren des geistigen Lebens bewahren. Deshalb ist der Kampf um die geistigen Dinge für uns schwer: Es liegt nicht in unserer Macht, dass unser Geist an den geistigen Dingen so Freude habe, wie die Sinne an den sinnlichen. Zwar hilft uns die Taufe, reinigt und erhebt uns; doch sollen wir, soweit es uns möglich ist, uns in den geistigen und nicht in den sinnlichen Dingen üben, das Geistige begehren und uns von den sinnlichen Dingen weder blenden lassen noch nach ihrem Genuss verlangen. Wahrlich, sie sind mit den geistigen Dingen nicht zu vergleichen. Wir wissen: So viel erhabener ein Wesen ist als ein anderes, so viel erhabener ist auch seine Schönheit. Ist es nicht ein Zeichen des größten Unverstands, statt des Allerschönsten das Schändliche zu suchen und statt des Ehrwürdigsten das Ehrlose zu begehren? So handeln wir sowohl gegenüber den sinnlichen als auch den geistigen Geschöpfen. Was sollen wir erst sagen, wenn wir so gegenüber dem Seienden handeln, das über allem steht, und an seiner Stelle etwas Ungehöriges und Abscheuliches wählen? Unser Kampf besteht darin, auf uns selbst zu achten und stets Freude an den geistigen Dingen zu suchen, indem wir Geist und Verlangen auf sie richten, damit die sinnlichen Dinge sie uns nicht rauben, wenn die Sinne uns überwältigen und sich selbst unserer Bewunderung aufdrängen. Müssen wir uns aber der Sinne bedienen, so wollen wir dies tun, um durch die Geschöpfe den Schöpfer zu erkennen und Ihn wie die Sonne im Wasser zu schauen; denn die Erstursache aller Dinge spiegelt sich in den Geschöpfen wider, soweit diese sie aufzunehmen vermögen. Dies ist unser Kampf. Nun müssen wir betrachten, wie wir ihn führen sollen. Es wurde gesagt, dass der Leib durch die Sinne an Dingen seiner Art Freude hat; dies widerspricht den Wünschen der Seele. Je mehr der Leib Genuss findet, desto stärker begehrt er. Darum soll die Seele sich bemühen, alle Sinne zu zügeln, damit wir uns, wie bereits gesagt, nicht an den sinnlichen Dingen erfreuen. Je stärker der Leib ist, desto heftiger drängt er zu dem Seinen; je heftiger er drängt, desto schwerer ist er zu bändigen. Deshalb soll die Seele den Leib durch Fasten, Nachtwachen, Stehen, Liegen auf der Erde, ungewaschenes Ausharren und jede andere Form des Erduldens abtöten. So werden seine Kräfte geschwächt, damit wir ihn leichter lenken und den geistigen Übungen gehorsam machen können. Darin besteht der Kern unseres Kampfes. Dies zu wünschen ist leicht, es zu vollbringen jedoch schwer; bei der Ausführung gibt es viele Fehltritte, denn die Sinne berauben uns oft, selbst wenn jemand sehr wachsam ist. Darum gibt es noch ein drittes Heilmittel: das Gebet und die Tränen. Im Gebet danken wir für die empfangenen Wohltaten und bitten um Vergebung der Sünden und um die Kraft, die uns stärkt. Denn ohne göttliche Hilfe – wie wir schon zuvor gesagt haben – vermag die Seele nichts zu tun. Die göttliche Hilfe schenkt der Seele auch die Vereinigung mit dem Ersehnten und die Freude daran; sie neigt die begehrende Kraft dem Erwünschten zu. Das Wichtigste ist, den Willen dahin zu lenken, dies so stark wie möglich zu begehren. Die Tränen besitzen große Kraft: Sie versöhnen den Gebieter wegen unserer Sünden, reinigen die Befleckungen, die durch den Genuss der Sinne in uns zunehmen, und beflügeln das Verlangen nach dem Himmlischen. Darin liegt das Ganze. Was darauf folgt, ist die Schau der geistigen Dinge und das uneingeschränkte Verlangen nach ihnen. Daraus erwachsen die Besänftigung des Leibes, das heißt Fasten und Keuschheit, sowie alles Weitere, wobei eines um des anderen willen vollbracht wird; um ihrer und mit ihnen willen geschieht auch das Gebet. Jede dieser Übungen gliedert sich in viele Teile: Das eine geschieht um der anderen willen, und die anderen um des einen willen. Niemand soll meinen, Ruhmsucht und Geldliebe seien leibliche Leidenschaften. Nur die Genusssucht ist eine leibliche Leidenschaft, für die die Abtötung des Leibes ein heilsames Heilmittel ist. Die beiden anderen Leidenschaften, Ruhmsucht und Geldliebe, sind hingegen Erzeugnisse der Unwissenheit. Weil die Seele die wahren Güter nicht erfahren und die geistigen Dinge nicht erkannt hatte, ersann sie sich falsche Güter. Sie meinte, den Mangel durch Reichtum ausfüllen zu können; sie sorgt für Reichtum um des Genusses und des Ruhmes willen und hält den Reichtum auch an sich für ein Gut. Dies geschieht, weil die Seele die wahren Güter nicht kennt. Ruhmsucht entsteht nicht aus einem Mangel an leiblichen Bedürfnissen oder aus deren unzureichender Befriedigung, sondern aus Unerfahrenheit und Unkenntnis des ersten Guten und der wahren Herrlichkeit. Die Ursache dessen und, kurz gesagt, die Wurzel aller Übel ist die Unwissenheit. Denn wer die Natur der Dinge erkannt hat – woher ein jedes kommt, wohin es geht und welches auch sein eigenes Ende ist –, kann sich nicht nach dem Irdischen ausstrecken. Die Seele will kein Gut, das nur den Anschein des Guten hat; selbst wenn die Gewohnheit sie dazu drängt, kann sie die Gewohnheit überwinden. Bevor die Gewohnheit entstand, wurde die Seele durch Unwissenheit verführt. Daher müssen wir zuerst wahre Erkenntnis erwerben und richtig über die Geschöpfe urteilen, unser Verlangen auf das erste Gut richten und alles Sichtbare gering achten, nachdem wir seine große Vergänglichkeit erkannt haben. Was hilft uns, das Ziel zu erreichen? Ich will es kurz sagen. Das einzige Werk der vernünftigen Seele, solange sie im Leib ist, besteht darin, das Ziel zu erreichen begehren. Das Wirken des Verlangens kommt ohne Erkenntnis nicht in Bewegung. Darum üben wir uns im Geistigen. Wir wirken sowohl um des Verlangens willen – ja, sogar um des Verlangens selbst willen – als auch um der Erkenntnis willen. Die Seligkeit ist nicht nur Ursache, sondern auch Weise unseres gegenwärtigen asketischen Lebens. Sie umfasst beide Tätigkeiten: Erkenntnis und Verlangen, das heißt Liebe und Genuss. Ob beide Tätigkeiten gleich sind oder eine wichtiger ist, mögen die darüber Nachdenkenden erwägen. Wir sprechen von beiden und nennen die eine Kontemplation, die andere Tätigkeit. Bei diesen höchsten Tätigkeiten ist keine ohne die andere zu finden; bei den niedrigeren und den ihnen nachgeordneten ist dies möglich. Was diese Tätigkeiten verhindert oder uns zu ihrem Gegenteil hinzieht, nennen wir Sünden; was ihnen dient oder hilft, die Hindernisse zu überwinden, nennen wir Tugenden. Das Tun, durch das wir die Tugenden erwerben, nennen wir Fortschritt; die entgegengesetzten Handlungen nennen wir Übertretungen und Verfehlungen. Alles aber, was zum Handeln führt – zum schlechteren oder zum besseren –, nennen wir die höchste Absicht, denn jedes Handeln setzt voraus, dass man es erkennt und es vollziehen will.