Desselben Betrachtungskapitel
Der Geist, der zur Höhe der Schau erhoben wird, wird erleuchtet, wenn er diese Worte liest; fällt er aber in eine Leidenschaft, so wird er im Gegenteil verdunkelt.
Kapitel 1–25
#1. Der Verständige muss wissen, wann sein Geist in der Schau, wann er in Gedanken und wann er in den sinnlichen Dingen verweilt. Am häufigsten hält er sich in den sinnlichen Dingen auf, sei es zur rechten oder zur unrechten Zeit.
#2. Ist der Geist nicht in der Erkenntnis, so ist er in den Gedanken; ist er in den Gedanken, so ist er nicht in der Schau. Wenn er sich aber in den Sinnen befindet, ist er bei allen Dingen.
#3. Durch die Erkenntnis gelangt der Geist zu den geistigen Dingen; durch den Gedanken kommt das Wort zu den vernunftbegabten Wesen; durch die Einbildung gelangt die Wahrnehmung zu den tätigen Dingen.
#4. Wenn der Geist in sich gesammelt ist, sieht er weder jene, die nach den Sinnen leben, noch jene, die nach den Gedanken leben. Denn die Geister sind entblößt, und göttliche Strahlen lassen Frieden und Freude hervorströmen.
#5. Etwas zu schauen ist eines, es zu verstehen ein anderes und es mit den Sinnen wahrzunehmen noch ein anderes. Das Erste gehört zur Natur, das Zweite ist ein zufälliges Geschehen. Darin besteht der Unterschied zwischen Schau und Verstehen.
#6. Der Geist geht viele Wege und bleibt unersättlich. Wird er auf den einen Weg des Gebets gesammelt, so empfindet er sich bedrückt, bis er die Vollkommenheit erlangt. Wenn er betet, wird er dessen teilhaftig, was er verlassen hat.
#7. Ein Geist, der von der Höhe herabgestürzt ist, kann nicht wieder dorthin aufsteigen, wenn er nicht das Niedrige völlig verachtet und sich um des Göttlichen willen davon abwendet.
#8. Wenn du deine Seele nicht mit den Gedanken, die in dir sind, versöhnen kannst, so zwinge wenigstens deinen Leib zur Abgeschiedenheit und bedenke stets die Mühen, die er erträgt. So wirst du mit der Zeit durch Gottes Erbarmen auch zur ursprünglichen Würde gelangen können.
#9. Der Tätige kann den Geist leicht dem Gebet unterordnen, der Schauende aber das Gebet dem Geist. Der Erste sammelt durch die Sinne sichtbare Bilder; der Zweite führt die Seele zum Verstehen der Bilder. Der Erste lehrt den Geist, nicht auf den Leib zu hören; der Zweite, die Worte der körperlosen Wesen zu verstehen. Die Worte der Körperlosen sind ihre Eigenschaften und ihr Wesen.
#10. Wenn du deinen Geist vom Leib, vom Besitz und von köstlichen Speisen befreist, wird alles, was du tust, Gott wie ein reines Opfer dargebracht. Dir aber wird dafür zuteil, dass sich die Augen deines Herzens öffnen und du die in den Geist geschriebenen Worte Gottes klar lernst; deiner inneren Kehle werden sie süßer erscheinen als Honig.
#11. Du wirst deinen Geist nicht über Leib, Besitz und unnötige Speisen erheben können, wenn du ihn nicht an den reinen Ort der Gerechten führst. Dort wird das Gedenken an den Tod und an Gott, das aus dem irdischen Herzen hervorströmt, alle Regungen der Begierden auslöschen.
#12. Nichts ist furchterregender als der Gedanke an den Tod und nichts wunderbarer als das Gedenken an Gott. Das Erste schenkt heilsame Trauer, das Zweite Freude. „Ich gedachte Gottes“, spricht der Prophet, „und freute mich“ (Ps 76,4). Und der Weise sagt: „Bei all deinen Werken denke an dein Ende, und du wirst niemals sündigen“ (Sir 7,36). Wer die Bitterkeit der Trauer nicht erfahren hat, kann keine Freude empfinden.
#13. Solange der Geist die Herrlichkeit Gottes nicht mit unverhülltem Angesicht schaut, kann die Seele in ihrem Empfinden nicht sagen: „Ich will mich im Herrn freuen“ (Ps 103,34), „ich will frohlocken über Sein Heil“ (Ps 34,9). Der Schleier der Eigenliebe liegt auf ihrem Herzen. Darum wird ihr nicht offenbar, was ist und was sein wird, solange dieser Schleier nicht durch freiwillige oder unfreiwillige Mühen von ihr genommen ist.
#14. Nicht nach dem Auszug aus Ägypten, das heißt nicht nach dem Ende des Wirkens der Sünde, und nicht nach dem Durchzug durch das Meer, das heißt nach dem Ende der Neigung zur Sünde, sondern erst nach dem Aufenthalt in der Wüste, das heißt mitten im Wirken und in den Regungen der Sünde, kann Israels Führer das gelobte Land schauen, das heißt die Leidenschaftslosigkeit, indem er seine Kundschafter aussendet: die Kraft der Schau.
#15. Wer in der Wüste lebt, das heißt in der Untätigkeit der Leidenschaften, kann nur von den Gütern jenes seligen Landes hören. Jene aber, die die Kraft der Schau aussenden, erblicken das gelobte Land gleichsam in einer feinen Vision. Wer gewürdigt wird, in es einzutreten, wird von allen Empfindungen gesättigt, die daraus wie Honig und Milch hervorströmen, gemäß den Worten der ersten und der zweiten Schau.
#16. Wessen natürliche leibliche Regungen noch lebendig sind, der ist noch nicht mit Christus gekreuzigt und mit Ihm begraben worden, denn die seelischen Gedanken ziehen ihn noch an. Wie sollte ein solcher mit Christus auferstehen, um mit Ihm in einem erneuerten Leben zu leben?
#17. Drei Tugenden sind die wichtigsten in der Seele: Fasten, Gebet und Schweigen. Wer vom Gebet ablassen will, muss in der natürlichen Schau ruhen. Wer vom Schweigen ablassen will, muss sich der erbaulichen Rede widmen. Wer vom Fasten ablassen will, muss zu einer anderen, gnadenhaften Speise übergehen.
#18. Solange unser Geist in den göttlichen Dingen verweilt, rettet er die ihm Ähnlichen und erweist sich als gütig und barmherzig. Wenn er sich durch die Sinne den geschaffenen Dingen zuwendet und dies zur rechten Zeit und auf angemessene Weise tut, teilt er ihnen seine Erfahrung mit, empfängt Erfahrung von ihnen und kehrt dankbar zu sich selbst zurück. Wendet er sich aber zur Unzeit und ohne Not von den göttlichen Dingen ab, gleicht er einem unvorsichtigen Feldherrn, der seine Kräfte vergeudet, wenn die Schlacht beginnt.
#19. Das in uns verborgene Paradies der Leidenschaftslosigkeit ist ein Abbild jenes Paradieses, das die Gerechten einst empfangen werden. Doch nicht alle, die nicht in das Paradies der Leidenschaftslosigkeit im Inneren eintreten konnten, werden außerhalb des zukünftigen Paradieses sein.
#20. Die natürliche Sonne kann ihre Strahlen nicht in ein verschlossenes Zimmer senden; ebenso kann die geistige Sonne ihre süßen Strahlen nicht in die Seele dessen senden, der auf sie wartet, aber seine Sinne nicht vor den sichtbaren Dingen abschirmt.
#21. Ein Schauender ist jener, der seinen Abstieg wohl ordnet und den Aufstieg der Seele in Demut vollzieht.
#22. Die Biene umfliegt alle Blumengärten und trägt stets Honig heim; die Seele aber durchlebt verschiedene Lebensalter und bringt aus jedem Süße in den Geist.
#23. Wenn ein Hirsch eine Schlange gefressen hat, eilt er zu den Quellen, um das Feuer des Giftes zu löschen. Wird die Seele von den göttlichen Pfeilen getroffen, so sehnt sie sich unablässig nach Ihm, der sie mit Liebe verwundet hat.
#24. Feine Gedanken sprießen im einsiedlerischen Leben, Erwägungen aber in der Abgeschiedenheit. In der stillen Seele werden die Gedanken vertrieben; nur die Geister nähern sich ihr und offenbaren ihr Verständnis der Vorsehung und des Gerichts, als legten sie ihr gewisse Grundlagen dar.
#25. In der Abgeschiedenheit ist es ungewöhnlich, die Unterscheidung zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht zu sehen. So ist es im monastischen Leben: Nach dem Vorbild Christi Jesu gibt es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau.
Kapitel 26–30
#26. Gedanken sind weder der vernunftlose Teil der Seele – denn vernunftlose Wesen haben keine Gedanken – noch der rein geistige, denn auch die Engel haben keine Gedanken. Gedanken sind vielmehr eigene Hervorbringungen der vernunftbegabten Seele. Wie auf einer Leiter steigen sie durch Vorstellungen vom Sinn zum Geist empor und übermitteln dem Geist das Sinnliche; vom Geist steigen sie zu den Sinnen hinab und geben den Sinnen das Geistige zu schmecken.
#27. Böse Gedanken scheinen aus der Tiefe aufzusteigen und fügen dem Schiff der Seele Schaden zu, ohne sich selbst zu seiner Hilfe einzusetzen.
#28. Die Gedanken, die sich um die Seele sammeln, können sie je nach ihrer Natur entweder versenken, wie Seeräuber ein Schiff versenken, oder ihr wie Ruderer helfen, wieder aufzutauchen. Die einen ziehen sie in den Abgrund ungehöriger Gedanken; die anderen wählen den kürzeren Weg und führen das Schiff der Seele zu stillen Ufern.
#29. Solange die Seele nicht alle Gedanken verworfen hat, wird sie auch den letzten, den siebten Gedanken – die Eitelkeit – nicht ablegen. Ebenso wenig kann sie dann den achten Gedanken anziehen, der auf alle übrigen folgt und den der Apostel das himmlische Gewand nennt (2 Kor 5,2). Sie wird seufzen, weil sie noch nicht gänzlich von allem Irdischen befreit ist.
#30. Mit dem vollkommenen Gebet kommen engelgleiche Gedanken, mit dem fortgeschrittenen Gebet geistliche Gedanken und mit dem Gebet des Anfängers natürliche Gedanken.