Der heilige Jesaja der Einsiedler: 27 Kapitel über die Bewahrung des Geistes
Kapitel 1–25
#1. Dem Geist ist ein natürlicher Zorn gegen die Leidenschaften eigen. Ohne diesen Zorn kann es im Menschen keine Reinheit geben, wenn er sich nicht gegen alles erzürnt, was der Feind in ihn sät. Als Ijob solchen Zorn erlangt hatte, sprach er tadelnd von seinen Feinden: „[Ehrlos und verachtet], zu gering achtete ich sie, um sie den Hunden meiner Herde gleichzustellen“ (Ijob 30,1). Wer den natürlichen Zorn erlangen will, muss alle eigenen Begierden abschneiden, bis er zum natürlichen Zustand des Geistes gelangt.
#2. Wenn du dem Feind widerstehst und siehst, wie er in dir erschöpft zurückweicht, soll dein Herz sich nicht freuen. Denn die Bosheit der Geister folgt ihnen nach. Sie rüsten eine zweite Schar, heftiger als die erste, lassen sie außerhalb der Stadt zurück und befehlen ihr, sich zu verbergen. Wenn du ihnen entgegengehst und Widerstand leistest, fliehen sie erschöpft vor dir. Erhebt sich aber dein Herz, weil du sie vertrieben hast, und gehst du aus der Stadt hinaus, so stehen einige hinter dir und andere vor dir; die elende Seele wird mitten unter ihnen sein und keinen Zufluchtsort mehr haben. Die Stadt ist das Gebet, der Angriff auf die Feinde das Zurückweisen ihrer Gedanken in Christus Jesus, und das Verlassen der Stadt der Zorn.
#3. Lasst uns daher, Geliebte, in Gottesfurcht stehen, die tätige Kraft der Tugenden bewahren und erfüllen und unser Gewissen nicht zu Fall kommen lassen. Lasst uns in Gottesfurcht über uns wachen, bis auch unser Gewissen mit uns befreit wird und zwischen ihm und uns Eintracht herrscht. Es soll unser Wächter sein und uns alles zeigen, woran wir straucheln. Hören wir nicht auf seine Stimme, so wird es von uns weichen und uns verlassen; dann fallen wir in die Hände unserer Feinde, die nicht von uns ablassen. Darum lehrte uns unser Herr: „Versöhne dich schnell mit deinem Gegner, solange du mit ihm unterwegs bist, damit der Gegner dich nicht dem Richter übergibt und der Richter dich dem Gerichtsdiener, und du ins Gefängnis geworfen wirst“ (Mt 5,25). Gegner wird das Gewissen genannt, denn es widersetzt sich dem Menschen, der den Willen seines Fleisches tun möchte; hört der Mensch nicht auf es, liefert es ihn den Feinden aus.
#4. Wenn Gott sieht, dass der Geist sich Ihm mit aller Kraft unterwirft und keine andere Hilfe als Ihn hat, stärkt Er ihn und spricht: „Fürchte dich nicht, Jakob, du Würmlein, Israel, du Schwacher“ (Jes 41,14). Und wiederum: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Wenn du durch Wasser gehst, bin ich bei dir; durch Ströme, sie werden dich nicht überfluten. Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt, und die Flamme wird dich nicht verbrennen. Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Retter“ (Jes 43,1–3).
#5. Wenn der Geist diese Ermutigung hört, erhebt er sich gegen die Feinde und spricht: „Wer ist es, der gegen mich Krieg führt? Er trete mir entgegen. Wer will mit mir rechten? Er komme heran. Siehe, der Herr ist mein Helfer; wer kann mir schaden? Siehe, ihr alle werdet zerfallen wie ein von Motten zerfressenes Gewand.“
#6. Wenn dein Herz die Sünde mit aller Kraft hasst, sie besiegt und sich von dem abwendet, was sie hervorbringt, und dir die ewige Pein vor Augen stellt, dann wisse: Dein Helfer ist bei dir. Erzürne Ihn durch nichts, sondern weine vor Ihm und sprich, auf dein Herz horchend: „Dein ist, Herr, das Erbarmen, mich zu retten. Aus eigener Kraft kann ich den Händen der Feinde nicht entkommen, wenn Du mir nicht hilfst.“ Und Er wird dich vor allem Bösen bewahren.
#7. Der Mönch soll alle Türen seiner Seele, das heißt die Sinne, verschließen, damit er nicht durch sie zu Fall kommt. Wenn der Geist sieht, dass nichts über ihn herrscht, bereitet er sich auf die Unsterblichkeit vor: Er sammelt seine Sinne und macht sie zu einem einzigen Leib.
#8. Wenn dein Geist von jeder Hoffnung auf die sichtbaren Dinge dieser Welt befreit ist, ist dies ein Zeichen dafür, dass die Sünde in dir gestorben ist.
#9. Wenn der Geist befreit ist, verschwindet die Trennwand zwischen ihm und Gott.
#10. Wenn der Geist von all seinen Feinden befreit ist, feiert und ruht, wird er in einem anderen, neuen Zeitalter weilen und über Neues und Unvergängliches nachdenken. „Wo ein Leichnam ist, dort sammeln sich auch die Adler“ (Mt 24,28).
#11. Die Dämonen beginnen heimlich zu wirken, wenn der Mensch aufhört, sein Herz zu bewahren, weil er meint, es sei zur Ruhe gekommen. Unversehens dringen sie in die elende Seele ein und ergreifen sie wie einen Vogel. Sind sie stärker als sie, stürzen sie sie gnadenlos in Verfehlungen, schlimmer als jene früheren Sünden, um deren Vergebung sie gebetet hatte. Lasst uns daher in Gottesfurcht stehen, unser Herz bewahren, die Kraft des tätigen Lebens vollziehen und die Tugenden hüten, die der feindlichen Bosheit Einhalt gebieten.
#12. Unser Lehrer Jesus Christus kannte die große Unbarmherzigkeit des Feindes und liebte das Menschengeschlecht. Darum gebot Er uns, das Herz stark zu bewahren: „Seid jederzeit bereit, denn ihr wisst nicht, wann der Dieb kommt, damit er euch, wenn er kommt, nicht schlafend findet“ (Mt 24,43). Und wiederum: „Gebt acht auf euch selbst, damit eure Herzen nicht durch Völlerei, Trunkenheit und die Sorgen des Lebens beschwert werden und jener Tag euch nicht plötzlich überfällt“ (Lk 21,34). So stehe in deinem Herzen, bewache deine Sinne, und wenn das Gedenken an Gott sich mit dir versöhnt hat, wirst du die Räuber auflauern sehen, die es bestehlen. Wer über seine Gedanken wacht, erkennt jene, die eintreten und ihn verunreinigen wollen. Sie beunruhigen den Geist, damit er hochmütig und untätig werde. Wer aber ihre Bosheit erkennt, lässt sich nicht beunruhigen, sondern betet zum Herrn.
#13. Wenn der Mensch nicht allen Werken dieser Welt entsagt, kann er Gott nicht dienen. Was heißt Gott dienen, wenn nicht, beim Gebet zu Ihm nichts Eigenes im Geist festzuhalten: keine Begierde nach Genuss, wenn wir Ihn preisen, keine Sünde, wenn wir Ihm singen, keinen Hass, wenn wir Ihn verherrlichen, und keinen bösen Eifer, der uns hindert, zu Ihm zu beten und Seiner zu gedenken? Denn all dies sind dunkle Mauern, die die elende Seele umgeben; solange sie in ihr sind, kann sie Gott nicht in Reinheit dienen. Sie halten sie in der Luft zurück und lassen sie Gott nicht schauen, Ihn im Verborgenen preisen und mit Herzensfreude zu Ihm beten, damit die Seele durch Ihn erleuchtet werde. Deshalb wird der Geist stets verdunkelt und kann sich Gott nicht nähern, weil er sich nicht bemüht, diese Dinge geistig abzuschneiden.
#14. Wenn der Geist die seelischen Sinne vor den fleischlichen Begierden bewahrt und sie zur Leidenschaftslosigkeit führt, die Seele von den fleischlichen Begierden löst und unablässig zu Gott ruft, dann wird Gott, wenn Er sieht, wie schamlose Leidenschaften sich auf die Seele stürzen, um die Sinne in der Sünde festzuhalten, Seine Hilfe senden und sie alle im Nu vernichten.
#15. Ich bitte dich: Höre nicht auf, dein Herz zu bewahren, solange du noch im Leib bist. Ein Bauer kann nicht sicher sein, dass die Früchte reifen werden, die er ausgesät hat; er weiß nicht, wie sie ausfallen, bis er sie in die Scheunen eingebracht hat. Ebenso kann der Mensch nicht aufhören, sein Herz zu bewahren, solange noch Atem in seinen Nüstern ist. Da er nicht weiß, welche Leidenschaft ihn bis zum letzten Atemzug heimsuchen wird, darf er seine Aufmerksamkeit nicht von seinem Herzen abwenden, solange er atmet. Vielmehr soll er allezeit Gott anrufen und um Seine Hilfe und Sein Erbarmen bitten.
#16. Wer im Kampf keine Hilfe findet, kann nicht erwarten, sie in der Friedenszeit zu finden.
#17. Wenn der Mensch sich von denen „zur Linken“ entfernt (Mt 25,41) und alle seine Verfehlungen, die er vor Gott begangen hat, wahrhaft erkennt – denn er sieht seine Sünden nicht, solange er sich nicht mit bitterer Abkehr von ihnen trennt –, dann wird er zu dieser Erkenntnis gelangen und Trauer und Gebet gewinnen, weil er sich vor Gott schämt, wenn er an seine böse Freundschaft mit den Leidenschaften denkt. Lasst uns daher, Brüder, nach Kräften kämpfen. Gott wird uns nach der Fülle Seines Erbarmens helfen. Wenn wir unser Herz nicht so bewahren, wie es unsere Väter bewahrten, so wollen wir wenigstens unsere Leiber, wie Gott es verlangt, sündlos bewahren und darauf vertrauen, dass Er sich in der Zeit der Hungersnot, die über uns kommt, unserer erbarmen wird, wie Er sich auch Seiner Heiligen erbarmt hat.
#18. Wer sein Herz darauf ausgerichtet hat, Gott in Frömmigkeit zu suchen, kann wahrhaft an nichts anderes denken, als Gott zu gefallen. Wirft das Gewissen einem solchen etwas Widernatürliches vor, so ist er fern von der Freiheit. Denn wenn es einen Ankläger gibt, gibt es auch einen Richter; wo Gericht ist, da ist keine Freiheit. Betest du und siehst, dass dein Gewissen dir nichts Böses vorwirft, so bist du frei und nach Seinem Willen in Seine heilige Ruhe eingetreten. Siehst du, dass die gute Frucht erstarkt ist und das feindliche Unkraut sie nicht erstickt; dass die Kämpfer, die mit List deine Sinne bekriegten, gewichen sind; dass die Wolke über dem Zelt steht und weder die Sonne am Tag noch der Mond in der Nacht dich versengt; dass in dir alles bereit ist, das Zelt aufzurichten und es nach Gottes Willen zu bewahren – dann hast du mit Gottes Hilfe gesiegt. Gott selbst wird das Zelt überschatten, denn es ist Sein. Solange der Kampf andauert, lebt der Mensch in Furcht und Zittern: Wird er heute siegen oder besiegt werden? Wird er morgen besiegt oder wird er selbst siegen? Der Kampf beschwert das Herz, die Leidenschaftslosigkeit aber kennt keine Angriffe. Sie empfängt Ehre und sorgt sich nicht um die drei getrennten Kräfte, denn vor Gott sind sie versöhnt und miteinander vereint. Diese drei sind Seele, Leib und Geist. Wenn sie durch das Wirken des Heiligen Geistes eins werden, können sie nicht mehr getrennt werden. Halte dich also nicht für der Sünde abgestorben, solange deine Feinde dich noch angreifen, ob du wachst oder schläfst. Solange der elende Mensch kämpft, hat er noch keine Freimütigkeit.
#19. Wenn der Geist erstarkt und sich anschickt, der Liebe zu folgen, die alle fleischlichen Leidenschaften auslöscht und nicht zulässt, dass etwas Widernatürliches im Herzen herrscht, dann widersteht er der widernatürlichen Kraft, bis er sie von der Natur trennt.
#20. Prüfe dich, Bruder, jeden Tag und erkenne, was in deinem Herzen vor Gott leidenschaftlich ist. Wirf es aus deinem Herzen, damit du nicht ein schreckliches Urteil hören musst.
#21. Höre auf dein Herz, Bruder, und sei wachsam gegenüber deinen Feinden. Sie sind in ihrer Bosheit listig. Dein Herz soll aus diesem Wort erkennen, dass der Mensch das Gute nicht tun kann, solange er das Böse tut. Darum lehrte uns der Erlöser, wachsam zu sein: „Eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind es, die ihn finden“ (Mt 7,14).
#22. Sei achtsam auf dich selbst, damit nichts Verderbliches dich von der Liebe Gottes trennt. Beherrsche dein Herz und sei nicht betrübt, indem du sagst: „Wie soll ich es bewahren, da ich doch ein Sünder bin?“ Wenn der Mensch von seinen Sünden ablässt und sich Gott zuwendet, erneuert ihn seine Buße und macht ihn ganz neu.
#23. Die ganze göttliche Schrift, das Alte wie das Neue Testament, spricht von der Bewahrung des Herzens. Zuerst sagt der Psalmensänger David: „Ihr Menschenkinder, wie lange bleibt ihr verhärtet?“ (Ps 4,3), und wiederum: „Ihr Herz ist nichtig“ (Ps 5,10). Von denen, die auf Eitles sinnen, sagt er: „Denn er sprach in seinem Herzen: Ich werde nicht wanken …“ (Ps 9,27), und wiederum: „Denn er sprach in seinem Herzen: Gott hat vergessen …“ (Ps 9,32), und vieles Ähnliche. Der Mönch muss verstehen, zu wem und worüber die Schrift spricht; er muss seinen asketischen Kampf unablässig bewahren und die feindlichen Anschläge überwachen. Wie ein Steuermann, den die Gnade lenkt, soll er durch die Wogen fahren, ohne vom Kurs abzukommen, nur auf sich selbst achten und in der Stille mit aufmerksamem Denken und unzerstreutem Geist mit Gott sprechen.
#24. Winde, Wogen und Stürme in der Luft verlangen Geschicklichkeit vom Steuermann; unser Leben verlangt von uns das Gebet. Denn wir sind empfänglich für Anläufe der Gedanken, für Tugend und Sünde. Ein frommer und gottliebender Gedanke wird Herrscher über die Leidenschaften genannt. Wir, die wir in der Stille leben, müssen mit Einsicht und Nüchternheit Laster und Tugenden unterscheiden und bestimmen, welche Tugenden wir unter Brüdern und Vätern und welche wir allein üben sollen. Was ist die erste Tugend, was die zweite, was die dritte? Welche Leidenschaft ist seelisch, welche leiblich? Durch welche Tugend naht der Hochmut und verwundet den Geist? Durch welche nähert sich der Zorn? Und wodurch kommt die Völlerei? „Wir zerstören Überlegungen und jede Höhe, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt“ (2 Kor 10,4–5).
#25. Die erste Tugend ist die Sorgenfreiheit, das heißt das Absterben des äußeren Menschen und seiner Werke. Sie gebiert den Aufschwung zu Gott, dieser den natürlichen Zorn, der allem widerspricht, was der Feind sät. Dann nimmt die Gottesfurcht Wohnung im Menschen, und aus der Furcht kommt die Liebe.
Kapitel 26–27
#26. Weise den Anlauf eines Gedankens vom Herzen zurück mit frommem Widerspruch, damit es nicht so aussieht, als sprächen wir während des Gebets mit dem Mund zu Gott, während unser Herz Ungehöriges bedenkt. Gott nimmt vom Menschen der Stille kein nachlässiges und unaufmerksames Gebet an. Die Schrift bezeugt, dass die Sinne der Seele bewahrt werden müssen. Wenn der Wille des Mönchs dem Gesetz Gottes gehorcht und der Geist nach Seinem Gesetz die ihm unterstellten Regungen der Seele lenkt, vor allem Zorn und Begierde, die ihm ebenfalls unterstehen, dann übt er Tugend und erfüllt Gerechtigkeit: Die Begierde wendet sich Gott und Seiner Gerechtigkeit zu, der Zorn aber gegen den Teufel und die Sünde. Was bedarf es noch? Der verborgenen Unterweisung.
#27. Sitzt du in deiner Zelle und werden schändliche Gedanken in dein Herz gesät, so widerstehe der Sünde, damit sie nicht über dich herrsche. Beeile dich, Gottes zu gedenken; denn Er wacht über dich, und vor Ihm ist offenbar, was du in deinem Herzen denkst. Sprich daher zu deiner Seele: „Wenn du dich vor Sündern wie dir fürchtest, damit sie deine Sünden nicht sehen, wie viel mehr sollst du Gott fürchten, der alles bemerkt!“ Durch diese Ermahnung wird die Gottesfurcht in deiner Seele offenbar werden. Wenn du bei ihr bleibst, wirst du von der Leidenschaft nicht erschüttert werden, wie geschrieben steht: „Die auf den Herrn vertrauen, sind wie der Berg Zion; er wird nicht wanken in Ewigkeit, wer in Jerusalem wohnt“ (Ps 124,1). Bei allem, was du tust, gedenke Gottes, der jeden deiner Gedanken sieht, und du wirst niemals sündigen. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.